Freigeschrieben

Für meinen ersten Roman brauchte ich drei Jahre. Ich hatte einen Vollzeitjob und schrieb immer nur dann, wenn ich gerade Zeit und Lust hatte – meistens am Wochenende oder im Urlaub. Das dauerte. Dazu kam noch, dass ich gewaltige Ansprüche an mich hatte. Dieses Buch musste perfekt werden – inhaltlich und formal. Ich feilte stundenlang an einzelnen Sätzen, im Hinterkopf sämtliche Schreibratgeber dieser Welt, vor mir sämtliche preisgekrönten Bestseller dieser Welt. Da wollte ich auch hin.

Nun ja. Immerhin schaffte es ein Kapitel aus diesem Roman in eine Anthologie, was mir wiederum die Teilnahme an einer Lesung im Hamburger Literaturhaus bescherte. Der Roman als Gesamtwerk wurde nie veröffentlicht, und wenn ich ihn heute lese, dann schüttele ich den Kopf. Mag sein, dass dieser Text recht literarisch ist und mir einige schöne Szenen gelungen sind. Geld verdienen ließe sich damit allerdings nicht.

Heute schreibe ich einen Roman schon mal in drei Monaten fertig. Dass ich so schnell geworden bin, hat zwei Gründe. Zum einen habe ich mich freigeschrieben. Ich will nicht mehr den großen literarischen Wurf landen, der mit Preisen überhäuft wird und mich in den Schriftstellerolymp aufsteigen lässt. Dazu bin ich nicht gut genug. Das weiß ich heute, aber es bedrückt mich nicht. Vielmehr war es eine große Befreiung, zu erkennen, dass ich so schreiben muss, wie ich es kann und will, und nicht so, wie es mir irgendwelche Literaturexperten vorschreiben. Je trivialer meine Geschichten werden, je mehr Schund ich nach literarischen Maßstäben produziere, desto befreiter fühle ich mich. Ich liebe diese Anarchie, die sich in meinem Kopf einstellt, wenn ich mir hemmungslos den größten Unsinn ausdenke und ihn in schmalztriefende, adjektivschwangere Formulierungen verpacke. Herrlich! Alles, was offiziell tabu ist, nutze ich hemmungslos, um meine Geschichten unterhaltsam zu machen und die Leser zu berühren. Denn das ist es, was für mich zählt: Begeisterte Leser, die meine Geschichten gerne kaufen.

Und damit komme ich zum zweiten Punkt: Seit ich nicht mehr so literarisch schreibe, verdiene ich Geld mit meinen Büchern. Das hat natürlich damit zu tun, dass ich im Selfpublishing die Chance habe, verlagsunabhängig zu veröffentlichen. Und das hat wiederum den Vorteil, mich noch mehr zu befreien, in noch weniger Kästchen einordnen zu lassen. Ich schreibe, was mir und den Lesern gefällt – unabhängig von Genres und dem aktuellen Mainstream. Und nun bin ich zum ersten Mal in meinem Leben an dem wunderbaren Punkt angelangt, an dem ich vom Schreiben leben kann. In diesem Jahr stammten bislang 80 Prozent meiner Einnahmen aus Buchveröffentlichungen. Natürlich weiß ich nicht, ob das so weitergeht. Vielleicht wird nächstes Jahr alles anders und die Zahlen brechen wieder ein. Aber darüber mache ich mir nicht den Kopf. Im Moment genieße ich den unglaublichen Luxus, den ganzen Tag nichts anderes machen zu dürfen, als mir Geschichten auszudenken. Was für ein Geschenk!

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Schreibtipps

Schreibratgeber gibt es wie Sand am Meer, wobei sie unterm Strich alle dasselbe erzählen. Ist ja klar, man kann das Rad nicht immer neu erfinden. Tom Hillenbrand liefert in seinem Blog eine knappe Zusammenfassung der wichtigsten Tipps. Meine Erfahrung zeigt: Diese Tipps sind tatsächlich alle richtig und wichtig.

Lediglich mit der Schreibroutine tue ich mich immer etwas schwer. Dieses „Du musst aber jeden Tag mindestens soundsoviel schreiben, sonst wird das nie was“-Gerede hat mich schon immer mehr gelähmt als motiviert. Ich weiß (und das gilt so ziemlich für alles im Leben, nicht nur fürs Schreiben), dass sich immer alles zurechtrütteln wird. Es gibt Durststrecken, in denen ich null Ideen habe, und Zeiten der Fülle, in denen es nur so sprudelt. Unterm Strich gleicht sich am Ende alles aus und ich erreiche mein Ziel genauso schnell und gewissenhaft wie die braven Regelmäßigschreiber.

Das hat sicher auch damit zu tun, dass ich (noch) nicht ausschließlich vom Schreiben lebe. Es gibt Zeiten, in denen ist mein Kopf so zu mit anderen Themen und Projekten, dass ich tage- oder gar wochenlang nicht eine Zeile zu Papier bringe. Dann muss mein Roman ruhen, egal in was für dramatischen Verwicklungen meine Protagonisten gerade stecken. Wenn ich hingegen Zeit genug habe, tief in einer Geschichte versunken bin, und sogar nachts von den Figuren träume, dann sitze ich ganz von selbst bis zu zehn Stunden täglich am Schreibtisch, das geht gar nicht anders.

Das ist übrigens auch die Erklärung dafür, dass es hier so lange still war. Ich habe im letzten halben Jahr sehr viel gearbeitet und war so intensiv in ein Buchprojekt versunken, dass ich wenig Zeit und Muße für andere Dinge hatte. Wie heißt es in den Tipps von Tom Hillenbrand so schön:

Je mehr Du Dich aufs Schreiben konzentrierst, umso mehr andere Sachen werden sich um Dich herum auftürmen – ungelesene Emails, Lesungsanfragen, Pfandflaschen. Die Welt dreht sich ja weiter, während Du schreibst. Lass Dich davon nicht stressen. Schreib einfach weiter.

Genau das habe ich getan.

Dialoge schreiben

Dialoge sind das Salz in guten Romanen. Sie würzen die Geschichte mit Emotionen, bringen Lebendigkeit in die Handlung und charakterisieren die Figuren. Ohne wörtliche Rede wirkt eine Geschichte fade. Allerdings ist das Schreiben von Dialogen gewissermaßen die Königsdisziplin im literarischen Schreiben. Es ist nicht leicht, die wörtliche Rede so zu verpacken, dass sie klug und unterhaltsam zugleich ist, dass sie den richtigen Ton für die jeweilige Figur trifft und dass sie passend in die Handlung eingebunden wird.

Zudem gilt es, formale Besonderheiten zu beachten. Beim Lesen von Indie-Büchern fällt mir immer wieder auf, dass viele Autoren nicht wissen, wie sie die wörtliche Rede korrekt in einen Text einbinden müssen. Eine sehr gute Anleitung dazu gibt es hier.

Besonderes Augenmerkt solltet Ihr auch auf die Begleitsätze legen, in denen erklärt wird, wer spricht und mit welchen Emotionen er das tut.
„Du Idiot!“, brüllte sie.
Wie die wörtliche Rede korrekt in Begleitsätze eingebunden wird, könnt Ihr ebenfalls hier nachlesen.

Handlungsbeschreibungen sind nicht zwingend notwendig. Lebendige Dialoge leben allein vom gesprochenen Wort und benötigen zusätzliche Erklärungen nicht. Wichtig ist nur, dass die Leser genau wissen, wer gerade spricht. Dfür genügen die eher nichtssagenden Verben sagen und fragen. Dadurch erhält die wörtliche Rede mehr Kraft – nichts lenkt von ihr ab.

„Warum willst du das wissen?“, fragte sie.
„Weil ich neugierig bin“, sagte er.

„Warum willst du das wissen?“ Sie runzelte die Stirn.
„Weil ich neugierig bin“, lächelte er.
Das Stirnrunzeln verstärkt nur die Frage und ist nicht notwendig. Und auch lächeln ist nicht gerade ein emotionsgeladenes Kraftpaket und sollte daher sparsam eingesetzt werden.

Wenn Beschreibungen jedoch Emotionen transportieren und zur Charakterisierung von Figuren beitragen, sind sie wichtig.
„Warum willst du das wissen?“ Nervös spielte sie an ihrem Halstuch.
„Weil ich neugierig bin.“ Seine Augen blitzten fröhlich.

„Adjektivreich und handlungsschwach“

Kürzlich erschien auf spiegel.de ein Artikel, in dem Geschichten von Selfpublishern pauschal als „adjektivreich und handlungsschwach“ abgewertet wurden. Das führte in der Selfpublisherszene zu viel Schmunzeln, zumal die Autoren, die in dem Artikel namentlich genannt werden, sehr erfolgreich mit ihren „handlungsschwachen“ Geschichten sind. Der Artikel ist ein Beitrag zur Debatte um den Kampf zwischen Amazon und den Verlagen, die ja teilweise höchst unsachlich geführt wird – und die pauschale Diffamierung von Kollegen gehört da offenbar dazu. Das soll aber hier nicht weiter Thema sein.

Mir geht es vielmehr um die Frage nach den Adjektiven. Was ist denn schlimm daran, wenn man die gern verwendet? Das sind doch so schön bunte Wörter: herzzerreißend, betörend, meeresgrün, gewaltig, kugelrund, … Hach, ich könnte noch ewig so weitermachen. Und wird eine Geschichte durch all diese Adjektive nicht erst richtig lebendig?

Passenderweise las ich kurz nach dem Spiegeltext einen sehr empfehlenswerten Artikel in der Federwelt, in dem es um den Gebrauch von Adjektiven geht. Das nahm ich zum Anlass, kritisch zu überprüfen, wie mein eigener Umgang mit diesen Beiwörtern ist.

Gelegentlich braucht es einfach diese üppige, pralle Sprache, um Stimmungen und Gefühle auszudrücken – oder um den Kitsch in einer herzerweichenden Liebesszene so richtig zum Triefen zu bringen. Wir benötigen Adjektive auch, um etwas eindeutig auszudrücken. „Die rothaarige Frau“ beschreibt eine Figur unverwechselbar.

Andererseits vernebeln diese Beiwörter die Sinne und machen einen Text schwülstig und langatmig. Wolf Schneider bezeichnet Adjektive als die am meisten überschätzte Wortgattung. Und er liefert den Beweis gleich dazu:
„Wie heißt das Lied? Am ausgetretenen Brunnen vor dem weinlaubumrankten, halbverfallenen Tore steht ein knorriger Lindenbaum? Nicht ganz. Irgend jemand muss die Adjektive gestrichen haben, und was herauskam, wurde einer der populärsten Texte deutscher Sprache.“
(Aus: Wolf Schneider: Deutsch fürs Leben – Was die Schule zu lehren vergaß, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 17. Auflage 2007, S. 32)

Mein persönliches Fazit: Weniger ist in diesem Fall mehr. Allerdings kommt es auf die Art des Textes an. In einem sachlichen Text solltet Ihr Adjektive sparsam einsetzen, in einer schnulzigen Liebesgeschichte dürfen ruhig mal ein paar mehr vorkommen. Wenn Ihr aber lernen wollt, temporeich und klar zu schreiben, solltet Ihr Euch die Tipps aus der Federwelt zu Herzen nehmen. Es kann nicht schaden, zu Übungszwecken den Tipp von Hans Peter Roentgen aufzugreifen, und mal aus einem Text alle Adjektive zu streichen. Dann wird Euch auffallen, welche ihr wirklich benötigt und wie viele ihr unbedacht und manchmal sogar falsch einsetzt.

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Beliebte Schreibfehler

Es gibt in der deutschen Rechtschreibung einige knifflige Hürden, die viele Menschen nicht richtig nehmen. Das sind diese typischen Fehler, die wir Lektoren immer wieder korrigieren – in Werbetexten ebenso wie in wissenschaftlichen Arbeiten oder Romanen. Da haben wir wohl alle an derselben Stelle in der Schule geschlafen, und die Rechtschreibreform trug noch zusätzlich zur Verwirrung bei.

Einige dieser beliebten Fehler habe ich auf der Seite einer Kollegin gefunden, verpackt mit allerlei nützlichen Tipps rund ums Schreiben. Ich werde gelegentlich mal weitere beliebte Fehler zusammentragen, denn diese Liste ist längst noch nicht vollständig.

Geschichten entwickeln mit Moderationskarten

Seit geraumer Zeit brüte ich über einer neuen Romanidee. Aber ich kam ewig nicht voran. Mein Problem: Ich hatte zu viele Geschichten im Kopf, die ich alle unter einen Hut bringen wollte. Die Anzahl von Personen und Erzählsträngen wurde immer größer und unübersichtlicher. Schließlich hatte ich einen regelrechten Knoten im Gehirn. Eine Million Informationen hatten sich so ineinander verkeilt, dass ich überhaupt nicht mehr durchblickte. Und obwohl ich viele gute Einfälle hatte, schien es, als könnte daraus nie eine brauchbare Geschichte werden. Frustriert schob ich das Projekt immer wieder zur Seite und widmete mich anderen Arbeiten.

Aber dann besann ich mich darauf, was ich im Coaching mache, wenn ein Kunde mit seinen Themen feststeckt: Ich lege mit ihm zusammen die Karten. Ja, ihr habt richtig gelesen. Das ist aber überhaupt nicht spirituell oder esoterisch gemeint. Vielmehr geht es um Moderationskarten, die in verschiedenen Formen und Farben erhältlich sind. Ersatzweise tun es aber auch Karteikarten oder einfaches Papier, das man sich zurechtschneidet.

Diese Karten beschriften wir und breiten sie auf dem Fußboden aus. Von oben hat man einen besseren Überblick und kann sich bei Bedarf auch um die Karten herumbewegen oder sogar darauf stellen. Außerdem hilft Bewegung super, um kreative Prozesse in Gang zu bringen. Da reichen manchmal schon ein paar Schritte durchs Wohnzimmer. Nun schieben wir die Karten hin und her und ordnen sie dem Thema entsprechend einander zu. Es ist erstaunlich, wie schnell man plötzlich erkennt, wo es klemmt und was man tun muss, damit sich alles gut fügt.

So, und genau diese Technik wandte ich nun für meinen Plot an. Zuerst habe ich die Namen aller wichtigen Figuren aufgeschrieben (was hier beispielhaft » 1« heißt, erhielt bei mir einen richtigen Namen). Dann habe ich die Figuren in Beziehung zueinander gesetzt. Auf anderen Karten schrieb ich, soweit schon vorhanden, Themen und Handlungsstränge auf. Nun ordnete ich diese Karten alle den Figuren zu. Wichtig dabei: Je konkreter man wird, desto besser. Wenn man also einen dramatischen Todesfall plant, sollte man das auch schreiben und es nicht bei einem schwammigen »schreckliches Unglück« belassen.

Es war verblüffend. Innerhalb weniger Minuten wurde mir etwas klar, das ich zwar schon die ganze Zeit geahnt, aber bislang nie wirklich beachtet hatte: Im Grunde hatte ich zwei Geschichten miteinander verwoben. Die Figuren A-D bilden eine Geschichte, die Figuren 1-3 eine andere. Ich hatte krampfhaft versucht, all diese Figuren unter einen Hut zu bringen. Was für ein Unsinn das war, wurde mir erst beim Anordnen der Karten bewusst.

Anschließend ging vieles fast von selbst. Handlungsabläufe, Krisen, Entwicklungen – alles war auf einmal da. Da  ich die Hälfte der Informationen, die mein Gehirn verstopft hatten, zur Seite schieben konnte, hatte ich auf einmal viel Raum zum Nachdenken. Und schon sah alles erheblich übersichtlicher aus. Plötzlich sprudelten die Ideen nur so aus mir heraus und innerhalb einer halben Stunde hatte ich einen groben Rahmen für den Plot abgesteckt.

Und nun schaffte ich es endlich auch, klare Entscheidungen zu treffen und fand sogar Wege, wie ich beide Geschichten an einigen losen Enden miteinander verknüpfen kann. Ob das wirklich klug und sinnvoll ist, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Aber erst mal lasse ich diese abenteuerlichen Ideen zu, um meine Kreativität weiter anzukurbeln. Bei solchen kreativen Prozessen ist es wichtig, sich nicht selbst zu zensieren. Aussortieren kann man später immer noch in aller Ruhe.

Probiert es doch selbst mal aus. Die Arbeit mit Moderationskarten eignet sich besonders

  • beim Entwickeln von Geschichten
  • beim Strukturieren einer Romanhandlung
  • um Beziehungen zwischen Figuren zu verdeutlichen
  • beim Entwickeln einzelner Szenen
  • um Spannungsbögen herauszuarbeiten

Wie Ihr die Karten anordnet, bleibt Euch überlassen, da gibt es überhaupt keine Regeln. Hilfreich ist es allerdings, bestimmte Themen in Form und/oder Farbe einheitlich zu halten. Ich habe zum Beispiel  für alle weiblichen Figuren runde rote Karten gewählt und für alle männlichen runde gelbe. Das half mir, den Überblick zu behalten und bestimmte Konstellationen sehr schnell zu erkennen.

Und noch ein Tipp: Macht von Eurem Kartenbild in den unterschiedlichsten Phasen Fotos, damit Ihr auch Zwischenschritte dokumentiert. Manchmal stellt sich im Nachhinein nämlich heraus, dass eine zwischenzeitliche Idee sinnvoller war als das vermeintliche Endergebnis.