Lammspieße auf Couscous – 6

Teil 1

Es war nicht gerecht, fand ich. Jedes Mal, wenn ich in eine Buchhandlung ging, sah ich massenweise minderwertige Bücher auf den Verkaufstischen liegen. Bestseller, die entsetzlich trivial geschrieben waren, Geschenkbücher, die aus nichts als einem hübschen Umschlag bestanden, Kochbücher, die zum hundertsten Mal dieselben Gerichte anpriesen. Das kauften die Leute offenbar alles in rauen Mengen. Warum sollten sie nicht auch ein magisches Kochbuch kaufen wollen? Dieser Axel Klinger hatte doch keine Ahnung – weder von Magie noch von guten Büchern.
Rosi tobte. Sie ließ ihre Enttäuschung an unseren Lebensmitteln aus. Sie klopfte die Schnitzel nicht mehr flach, sondern prügelte sie windelweich. Sie schnitt die Möhren nicht mehr klein, sondern zerhackte sie. Kartoffeln zerquetschte sie zu Mus, und den Grillhähnchen machte sie derart Feuer unterm Hintern, dass sich unsere Nachbarn über die Rauchbelästigung beschwerten.
Ich konnte ihre Wut verstehen, war gleichzeitig aber auch entsetzt. Mit ihrem Zorn ruinierte Rosi unser Geschäft. Schon hörten wir die ersten Klagen von Kunden. Sie waren nach dem Genuss unserer Speisen schlecht gelaunt, aggressiv und unzufrieden. Als es auf einer Firmenparty nach dem Verzehr von blutigen Rindersteaks sogar zu einer Schlägerei unter Kollegen kam, wusste ich, dass es so nicht weitergehen konnte.

Fortsetzung folgt …

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Lammspieße auf Couscous – 5

Teil 1

Drei Wochen später waren wir schlagartig wieder nüchtern.
„Es tut mir sehr leid, aber ich kann Ihr Buch leider doch nicht in unserem Verlag unterbringen“, schrieb Sonja Blume, die Lektorin von Kampmann & Hoffe. „Unser Marketingleiter hat überraschend ein Veto eingelegt. Er glaubt, das Buch verkaufe sich nicht genug.“
„Warum?“, fragte Rosi fassungslos. „Warum glaubt dieser Idiot, dass sich unser Buch nicht verkauft? Frau Blume findet es toll. Reicht das nicht?“
Ratlos griff ich zum Telefon und rief Sonja Blume an. Sie druckste ein wenig herum, bevor sie mit der Wahrheit herausrückte:
„Nun ja, ehrlich gesagt fand Axel Klinger die Idee mit der Magie ziemlich albern. Seiner Meinung nach hat sich diese magische Masche längst überlebt. Harry Potter, Herr der Ringe, das alles war große Magie. Was jetzt noch kommt, sei angeblich nur noch ein billiger Abklatsch, der nicht mehr genug Umsatz bringe.“
„Magische Masche“, flüsterte ich und legte bestürzt auf.
„Magische Masche“, schnaubte Rosi und schlug mit einer Pfanne auf den Tisch. „Dem werd ich zeigen, was eine magische Masche ist!“

Teil 6

Lammspieße auf Couscous – 4

Teil 1
Unser Buch wurde ein wahrhaft magisches Kochbuch, und so nannten wir es auch: „Das magische Kochbuch – zauberhafte Rezepte von Rosi Löwenherz und Katja Sommerland“.
Als wir fertig waren, schickte ich das Manuskript voller Zuversicht an einen Verlag. Und später an noch einen. Und noch einen. Und noch und noch und noch einen.
Unsere Euphorie wandelte sich in Ratlosigkeit. Warum wollten die Verlage unser Buch nicht haben? Was war daran so verkehrt?
Wir hatten die Hoffnung fast aufgegeben, als wir Post von einer Lektorin aus dem Hause Kampmann & Hoffe erhielten.
„Ihre Idee hat mich begeistert und überzeugt“, schrieb sie. „Wir müssen nun hier im Haus noch einige Details klären, dann melde ich mich wieder bei Ihnen.“
An diesem Abend öffneten Rosi und ich eine Flasche Champagner. Bald würde unser Buch veröffentlicht! Hurra!

Teil 5

Lammspieße auf Couscous – 3

Teil 1

In den nächsten Monaten kramten wir unsere schönsten Rezepte hervor, verbesserten an manchen Stellen noch ein wenig, und dann ging es ans Aufschreiben. Das machte vor allem mir besonders viel Spaß. Nur allzu gern erinnerte ich mich an die vielen Stunden, in denen ich gekocht und gebacken, gebraten, gerührt, geschnitten und geknetet hatte. Und fast noch lieber erinnerte ich mich an die glücklichen Gesichter von Menschen, die ich mit meinem Essen verzaubern konnte.
Zu jedem Rezept schrieben wir eine Geschichte auf, um die Wirkung der einzelnen Zutaten und des fertigen Gerichts anschaulich zu machen. Schmunzelnd dachte ich an die Silberhochzeit, auf der die Jubilarin nach übermäßigem Verzehr von Pflaumenkuchen mit dem besten Freund ihres Mannes durchgebrannt war. So etwas kann passieren, und auch das ist Magie.
Was schauen Sie mich so böse an? Diese Ehe war komplett im Eimer, und der Mann schrieb uns später einen rührenden Dankesbrief, wie froh er über diesen Befreiungsschlag sei, er selbst habe nie den Mut besessen, die Ehe zu beenden. Aber nun wisse er seine Frau gut versorgt durch seinen Freund, während er selbst endlich die Weltreise antreten könne, von der er schon immer geträumt habe. Na bitte!
Anfängern und ängstlichen Naturen empfehle ich dennoch, Pflaumenkuchen wohldosiert anzubieten. „Ab dem fünften Stück garantieren wir für nichts“, schrieb ich in unserem Buch. „Dann könnte die Wirkung umschlagen. Was für zartes Verkuppeln gedacht war, stiftet die Leute plötzlich zu wollüstigen Orgien an. Daher schlagen wir als Hauptgang auch einen Sauerbraten vor. Der sorgt für einen gewissen Stimmungsausgleich.“

Teil 4

Lammspieße auf Couscous – 2

Teil 1

Genau genommen fing alles lange vor dem Firmenjubiläum an. Rosi hatte die Idee mit dem Buch – sie hat ständig so geniale Ideen, und dafür bewundere ich sie, seit wir zusammen eingeschult wurden.
„Wir schreiben ein Kochbuch“, verkündete sie eines Abends, als wir erschöpft, aber glücklich von einer Wohltätigkeitsveranstaltung heimkehrten, auf der für die Modernisierung eines Kinderkrankenhauses gesammelt wurde.
Unsere Spezialität des Tages waren Holundertörtchen. Ein Nachbar hatte uns gestattet, seine Holundersträucher abzuernten, und seine Großzügigkeit klebte an jeder einzelnen Beere, die sich in der Buttercreme befand. Bei jedem Ei, das ich zum Teig gab, dachte ich an meine Tochter Lea, ein gesundes, fröhliches Kind. Ich warf ein wenig Mutterliebe mit in die Rührschüssel, wo sie zwischen den Eigelben zerfloss.
Liebe und Großzügigkeit – die perfekte Mischung.
Und wir hatten durchschlagenden Erfolg damit. Es kamen viel mehr Spendengelder für das Krankenhaus zusammen, als sich der Chefarzt jemals hätte erträumen lassen. Und zur allgemeinen Überraschung erklärte der Oberbürgermeister, bei dem ich dreimal mit meinem Tablett voller Holundertörtchen haltmachte, die Stadt werde ihren Zuschuss zu dem Projekt um eine beträchtliche Summe erhöhen.
„Wir schreiben alles auf“, sagte Rosi nun. „Unsere besten Rezepte, mit allen Tricks und Raffinessen. Dieses Buch werden uns die Leute aus den Händen reißen. Das wird ein Bestseller.“

Teil 3

Lammspieße auf Couscous

Es ist für Autoren nicht leicht, ein Buch bei einem Verlag zu veröffentlichen. Damit Verlage dem wirtschaftlichen Druck standhalten können, publizieren sie zunehmend Bücher, die sich voraussichtlich sehr gut verkaufen – ungeachtet der Qualität. Für unseren Kurzgeschichtenband „Moodcooking – Aus dem Suppentopf der Gefühle“ erhielten Elke Rathsfeld und ich unzählige Absagen. Wohlgemerkt keine Standardabsagen, sondern persönlich formulierte Briefe, in denen uns die Lektoren versicherten, dass wir wundervolle Texte geschrieben hätten, diese aber vermutlich kein Mensch lesen wolle. Die Geschichten seien – man glaubt es kaum – zu anspruchsvoll.
In einem Fall war die Absage besonders bitter, da der Kontakt über eine Literaturagentin hergestellt worden war, die uns große Hoffnungen gemacht hatte. Unsere Enttäuschung war riesig – und ich setzte mich hin und verarbeitete sie literarisch. Das Ergebnis ist die letzte Geschichte in „Moodcooking“, das wir dann übrigens als Selfpublisher herausbrachten.

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Rache ist süß, sagt der Volksmund. Ich finde allerdings, dass Rache ein sehr hässliches Wort ist. Es klingt nach Niedertracht und Bösartigkeit. Das hat nichts mit dem zu tun, was Rosi und ich getan haben. Wir wollten einfach nur eine Art ausgleichender Gerechtigkeit für das Unrecht erhalten, das uns widerfahren war. Und ich finde, das ist uns auch gut gelungen.

Rosi und ich haben uns vor fünf Jahren mit einem Cateringservice selbstständig gemacht. Seitdem kochen und backen wir auf Bestellung für große Feiern, kleine Feiern, offizielle Anlässe und Privatpartys. Unser kleines Unternehmen läuft gut, wir können nicht klagen. Besonders gern denke ich an das hundertjährige Firmenjubiläum des Verlags Kampmann & Hoffe zurück. Es zählt eindeutig zu den Höhepunkten unserer Karriere.
Die Leute glauben immer, wir hätten so großen Erfolg, weil wir viel Wert auf Qualität legen und ständig neue, ungewöhnliche Rezepte kreieren. Natürlich spielt das auch eine Rolle. Aber der wahre Grund für unseren Erfolg ist die Magie, die unsere Kunden aus jedem noch so kleinen Törtchen, jedem winzigsten Stück Brot oder Fleisch herausschmecken.
„Welche Magie?“, fragen Sie nun vielleicht und ziehen erstaunt die Augenbrauen hoch.
Na, Magie eben. Der kleine Zauber, den wir jederzeit zum Leben erwecken können, wenn wir nur wollen. Wussten Sie zum Beispiel, dass die Gefühle, mit denen Sie kochen, in all Ihren Speisen stecken und sich beim Essen auf Ihre Gäste übertragen?
Sie ziehen Ihre Augenbrauen noch ein Stückchen höher und zweifeln an meinem Verstand? Ja, das hat Axel Klinger von Kampmann & Hoffe auch getan. Und es ist ihm nicht gut bekommen, das kann ich Ihnen versichern.

Teil 2

Mia und Arthur

Der Februarwind blies von der Elbe herauf. Mia zog fröstelnd die Schultern hoch. Sie zögerte. Arthurs herablassende Bemerkung ärgerte sie. Andererseits war sie jetzt schon so weit gegangen. War es nicht albern, in letzter Sekunde zu kneifen? Noch dazu bei einem so gut aussehenden Mann?
»Also gut«, sagte sie entschieden, »wir probieren es mal. Aber ich gehe sofort, wenn ich mich unwohl fühle. Und ich will sechzig Euro für jedes Kommen haben.« Der Doppeldeutigkeit ihres letzten Satzes wurde sie sich erst bewusst, als sie ihn bereits ausgesprochen hatte.
Arthur runzelte die Stirn. »Wie lange werden Sie wohl alles in allem für Ihren Job brauchen? Zehn Minuten? Eine Viertelstunde? Das macht bei fünfzig Euro also mindestens zweihundert pro Stunde. Finden Sie nicht, dass das schon ein ganz guter Satz ist?«
»Außergewöhnliche Jobs sollte man auch außergewöhnlich bezahlen«, entgegnete Mia. Die Sache fing an, ihr Spaß zu machen.
»Einverstanden.« Arthur streckte ihr die Hand entgegen. »Sechzig Euro, keine Fragen und absolute Diskretion.«
Sie besiegelten ihren Vertrag mit einem festen Händedruck.
Mia stand auf. »Wollen Sie, dass ich sofort mit der, äh, Arbeit anfange, oder soll ich in den nächsten Tagen wiederkommen?«
Arthur erhob sich ebenfalls. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gerne sofort beginnen. Dann sehen wir gleich, ob es auch funktioniert.«

Aus Ebbe und Glut.
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