Der Knoten hat sich gelöst

Ich habe gezoFoto: Inge Luttermanngen und gezerrt, gedrückt, gerissen, geklopft. Ich habe von oben und von unten geguckt, von links und von rechts, habe gedreht und gewendet, mit zarten Fingern gestreichelt und magische Beschwörungen ebenso gemurmelt wie handfeste Flüche. Es hat lange gedauert. Sehr, sehr lange. Viel zu lange. Doch nun ist es vollbracht: Der Knoten hat sich gelöst, das Gedankenchaos ist entwirrt. Hurra!

Ich gebe ja meinen Kunden gern den Tipp, erst mal was anderes zu machen, wenn sie sich an einer Textstelle festgebissen haben. „Liegenlassen, das löst sich von selbst“, pflege ich zu sagen. In gewisser Weise habe ich mich auch an diesen Tipp gehalten und mein Manuskript immer wieder voller Unlust und Selbstzweifel zur Seite gelegt. „Das wird nie was“, sagte ich mir und beäugte das Projekt voller Misstrauen aus sicherer Entfernung. „Ich geh wieder fremde Texte lektorieren, da bin ich erfolgreicher.“ Wochenlang ging das so, um nicht zu sagen: monatelang.

Aber dann wurde mir klar: Ich habe eine Entscheidung getroffen. Ich will Bücher schreiben. Also setzte ich mich hin und begann zu kämpfen. Satz für Satz, Wort für Wort habe ich das Kapitel, in dem ich steckengeblieben bin, umgegraben. Das dauerte, ich mag es kaum laut sagen, über eine Woche. Eine Woche Kampf und Krampf wegen eines einzigen Kapitels von knapp 14 Normseiten. Aber mir wurde auf einmal klar, dass dieses Kapitel Schlüsselszenen enthält, die für den Fortlauf der gesamten weiteren Geschichte wichtig sind. Ich konnte nicht weitermachen, bevor dieses Kapitel nicht stand.

Und dann spürte ich mitten im Kampf eine Veränderung: Ideen trudelten ein, erst zaghaft, dann immer mehr. Ich schrieb einen Teil einer Szene neu, was weitere Ideen anlockte. Und plötzlich packte es mich: Ja, genau so muss es gehen! Auf einmal lag nicht nur dieses Kapitel klar vor meinem inneren Auge, sondern gleich noch drei weitere. Ich konnte kaum mehr aufhören zu arbeiten, so begeistert war ich.

Seit zwei Tagen ist sie wieder da, die Energie, die ich zum Schreiben brauche. Meine Figuren sprechen mit mir, sie füllen mich aus und begleiten mich, wo immer ich gerade bin. Der Kampf hat sich gelohnt. Und ich bin wieder um eine Erfahrung reicher: Manchmal ist es besser, sich durchzubeißen, statt erst mal was anderes zu machen.

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